Bauzeichnung/Schnitt BergkircheBevor sich ein Ausläufer des rheinhessischen Hügellands nördlich der Pfrimmlaufs in der Rheinebene verliert, gönnt er auf seinem Rücken einer kleinen Kirche einen Blick über die alte Lutherstadt auf ihre erhabenen Schwestern, den Dom und die Reformationsgedächtniskirche „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“:
Es ist die Bergkirche, hoch über dem Dorf Hochheim gelegen.
Spärlich ist die Urkundenlandschaft zur Baugeschichte der Kirche. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Bauzeit in das erste Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends fällt, also in die Zeit des großen Wormser Bischofs Burchard, der als Erbauer des Wormser Doms gerühmt wird. So durfte die Bergkirchengemeinde und mit ihr das weite Umland im Jahre 2010 ein Tausendjahr-Jubiläum der Kirche feiern.
Erste urkundliche Erwähnung findet die Hochheimer Kirche 1141 in einer Urkunde, in der Probst Heinrich von St. Andreas auf Anordnung und mit Genehmigung des Bischofs Burchard II. seinen Kanonikern die Pfarrkirche Hochheim überträgt. St. Andreas hatte also die Patronatsrechte in Hochheim. 1287 wird urkundlich von einer Beginen-Klause bei der Kirche berichtet, die wohl 1455 durch den Wormser Bischof Reinhard von Sickingen aufgelöst wurde. Im Synodale von 1496 wird erstmals das Patrozinium „St.Petrus“ erwähnt (S.Petrus apostolus patronus). Und hier finden wir auch neben der Nennung heute nicht mehr vorhandener Seitenaltäre (Jacobus und Laurentius) die Erwähnung des dem Heiligen Nicolaus, dem Schutzheiligen der Schiffer, geweihten Altars in der Krypta. Nach der Einführung der Reformation durch den evangelischen Kurfürst von der Pfalz Friedrich III. und der Aufhebung des Klosters Maria Himmelskron wird die Klosterkirche als „Winterkirche“ und die Bergkirche als „Sommerkirche“ von den Reformierten genutzt, Katholische Christen gab es in Hochheim ja zu dieser Zeit nicht. Das ändert sich, als die kurpfälzische Herrschaft an die katholische Linie Pfalz-Neuburg übergeht. Durch die sogenannte Pfälzische Kirchenteilung 1706 wird den Katholischen die Klosterkirche und den Evangelischen die Bergkirche zugesprochen. In der Folgezeit wechselt das reformatorische Bekenntnis mehrfach zwischen calvinistischem, lutherischem und uniertem Verständnis, je nach Herrschaft (cuius regio – eius religio). Unter nationalsozialistischer Herrschaft wird die Gemeinde schwer geprüft. Als Glied der „Bekennenden Kirche“ besteht sie die Prüfung, woran eine Gedenktafel im Kirchenschiff erinnert.
Aus der Urform der Kirche zeigen sich der mit Sicherheit bedeutendste Teil des Bauwerks, die Krypta, und der Turm. allerdings nur sein Erdgeschoß und die beiden darüber liegenden Geschoße. Tonnengewölbte seitliche Anbauten erweitern vorhallenartig das Innere des Erdgeschoßes. In der linken Nische hält eine würdige Gedenkstätte die Erinnerung an die Gefallenen der beiden Weltkriege wach. Äußerlich lassen in jedem Stockwerk die Rundbogenfriese, wie wir sie am Wormser Dom finden, darauf schließen, dass hier vor tausend Jahren Handwerker der Dombauhütte am Werk waren. Das darüber liegende Uhrengeschoß und das Glockengeschoß weisen Abweichungen in Gliederung und Behandlung der Außenflächen auf und könnten deshalb in der vorliegenden Form etwas später zu datieren sein. Der Glockenstuhl im obersten Geschoß beherbergt neben den drei Glocken aus der Nachkriegszeit die älteste Glocke im Kreis: die Marienglocke aus dem Jahr 1463.
Das absolute Kleinod der Bergkirche ist ihre Krypta, ein Raum von gerade mal 20 qm. Das von vier Mittelsäulen mit Würfelkapitellen getragene Kreuzgewölbe verschafft der zentralen Anlage eine besondere Intimität. Die Platte des Blockaltars aus der Bauzeit(!), einst als „Baumaterial“ missbraucht, wurde 2002 ihrer Vermauerung entnommen und dem Altar wieder zugeführt. Beschädigungen wurden durch den Steinbildhauer Marcus Centmayer künstlerisch bearbeitet.
Das Kirchenschiff, ein Hallenbau mit spätgotischen, zweibahnigen Fenstern, nennt über dem ebenfalls spätgotischen Südportal mit seinen gekreuzten Stäben das Jahr 16o9 als Baujahr. Es ist Nachfolger eines 1607 durch Brand vernichteten kleineren Vorgängerbaus. Dieser stand, ebenso wie die Krypta heute noch, zentral in der West-Ost-Achse mit dem Kirchturm. Der Bau von 1609, wegen der zugenommenen Größe der Gemeinde erweitert, mußte aus Gründen der Hanglage axial nach Norden versetzt werden. Dadurch entstand die sichtbare, unübliche Verschiebung der Bauelemente Turm/Schiff. Ein bühnenartiger Anbau als Chorraum erweiterte 1964/65 das Kirchenschiff nach Osten.
Die seit 1980 wieder sichtbare historische Ummalung der Fensterrahmung in Renaissancemanier war 1948 überstrichen worden. Dafür zierten seinerzeit Wandbilder des Wormser Kirchenmalers Kurt Scriba die Wandflächen zwischen den Fenstern. Die Farbqualität des Jahres 1948 hielt allerdings den Umwelteinflüssen nicht stand. Nur der beherrschende Wandelaltar (1948) zeugt noch in der Bergkirche vom Schaffen dieses Künstlers. Die Bergkirche zeigt sich überhaupt seit vielen Jahren offen für zeitgenössische Kunst. So treffen wir auf den Wormser Künstler Peter Schöffel in seiner Installation „Austausch“ (2000) im Chorraum sowie das Skulpturenkreuz (1996) draußen vor dem Südportal. Von dem bereits erwähnten Wormser Steinbildhauer Marcus Centmayer zeugt die Skulptur „Wandlung“ (1990) in der Krypta, von der Frankenthaler Bildhauerin Verena Schubert-Andres der Taufstein (1985), und von Madeleine Dietz aus Landau die Altarmensa vor dem Wandelaltar (1999). Nicht unerwähnt bleibt letztendlich das schöne Orgelprospekt (1761) des Wormser Orgelbauers Johann Georg Link.
Tassilo Amesmaier